// im blickpunkt

DemokratieZweiNull

Gefahren beim Wahlkampf im Web

In den nächsten Tagen werde ich mich mit DemokratieZweiNull noch intensiver befassen als in den Wochen zuvor – in Vorbereitung auf den Sympra-Vortrag bei unserem – inzwischen praktisch ausgebuchten – Event am 25. März in Stuttgart sowie auf mehrere Fachbeiträge für unterschiedliche Onlinemedien. Einige Gedanken aus dieser persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema möchte ich an dieser Stelle immer wieder vorab teilen. Heute: die drei größten Gefahren, die Social Media als Wahlkampfinstrument für die deutschen Parteien und Politiker mit sich bringen.

1. Die Gefahr der Überschätzung. Obamas Paradebeispiel eines internetbasierten Wahlkampfes ist verführerisch – und zugleich ein Zerrbild in mehrfacher Hinsicht. Erstens: Das rapide Wachstum der neuen Kommunikationsplattformen im Internet verstellt den Blick aufs Wesentliche – die Medien beteiligen sich im Moment ungehemmt am rauschenden Hype. Wer neulich noch auf Twitter und Facebook herabblickte, der schreibt heute von der großen Revolution im Wahlkampf durch das vermeintlich völlig neue Qualität annehmende Medium Internet. Das – übertriebener Hype – zum Einen. Der Gipfel: Obama habe den Wahlkampf im Internet gewonnen, so heißt es in zahlreichen Medienberichten. Doch hat er? Hatte das Web wirklich den überwiegenden Anteil am Wahlsieg? Ich denke nein, es waren vielmehr zwei Faktoren entscheidend: Zum einen das Charisma des Kandidaten und zum anderen der gelungene Gesamtmix der Kommunikationsinstrumente. Das bedeutet für Deutschland Zweierlei: Zum einen ist ein zum Scheitern verurteilter Kandidat von der Hinterbank um ein Ministerpräsidentenamt kein charismatischer Obama (q.e.d.), zum anderen sind die Deutschen bei der Nutzung von Social Networks – und wohlgemerkt insbesondere auch Twitter – weltweit betrachtet keinesfalls führend, sondern hintendran (aktuelle Zahlen bei Spiegel Online). Wahlkämpfer sollten dies bedenken und ihre Ressourcen entsprechend einteilen: Social Media sind anno 2009 ein aufkeimender Massenmarkt, aber einer, der nur in Ausnahmefällen heute schon operativ Kampagnen mit wirklich entscheidender Wirkung dienen kann.

2. Die Gefahr des Kontrollverlusts. Zwar bin ich kein Verfechter der im Rahmen der Webciety auf der CeBIT jüngst an die Wand geworfenen These, dass Social Media als Marketinginstrument den Kontrollverlust bedeuten. Diese Gefahr droht nämlich nicht, wenn Personen, Unternehmen oder Organisationen mithilfe von Blogging, Microblogging und Social Networking über einen längeren Zeitraum mit zahlreichen, in sich schlüssigen, kontinuierlichen und authentischen Beiträgen ein Image, ein Gesicht gegenüber der Web-2.o-Öffentlichkeit aufbauen. Dann werden diese Personen oder Institutionen ganz im Gegenteil öffentlich gefestigt und gesetzt, mithin weitaus schwerer angreifbar sein als ohne Social-Media-Aktivitäten. Aber: Die Gefahr des Kontrollverlusts droht durchaus, wenn aus Gewohnheit spontan sendungsbewusste Personen ganz plötzlich neue Kommunikationsmittel an die Hand bekommen und ohne Strategie nutzen, mit deren Umgang sie nicht vertraut sind. Nutzt ein Kommunalpolitiker, dessen flotte Wahlkampfsprüche bisher nur im Hinterzimmer von “Zum Hirschen” vernommen und später per Mundpropaganda  kolportiert wurden, plötzlich Blogs und Twitter, so sollte er wissen, was er tut – weil er sonst seiner Partei und sich selbst sehr großen Schaden zufügen kann. Schließlich kann jeder noch so schnell abgeschickte Tweet sehr rasch weltweit Echo finden, wenn er nur genug Brisanz hat. Schlimmstenfalls erweist ein unerfahrener Nachwuchspolitiker seiner Partei via Twitter & Co. also rascher einen nachhaltigen Bärendienst, als dies ohne die neue Web-2.0.-Kommunikation möglich wäre. Noch brisanter: Oft sitzen heute Web-2.0-Nutzer in eigentlich nicht online übertragenen Veranstaltungen und twittern oder bloggen live – so wandert eine unbedachte, polemische Äußerung ohne Zutun des Urhebers rascher im Netz als je zuvor. Umgekehrt gilt zu allem Überfluss: Sich über Nacht via Social Media eine hervorragende Reputation aufbauen zu können ist eine Illusion – auch im Web 2.0 schauen Multiplikatoren und begehrte Zielgruppen sehr wohl darauf, was hinter der Fassade steckt. Der Vergleich mit dem realen Leben liegt nahe: Ein Mensch, der sich über Jahre hinweg kontinuierlich in Verbänden, Parteien, Wohltätigkeitsorganisationen etc. engagiert, wird leichter ohne größere Folgen einmal ins Fettnäpfchen treten können ohne damit langfristig Imageschaden zu nehmen als ein gänzlich unbekannter Mensch, der plötzlich vor Millionenpublikum im TV auftreten darf und darauf nicht vorbereitet ist.

3. Die Gefahr des Konzerts ohne Dirigenten und der Gesichtlosigkeit. Auch wenn die Parteien neue, auf Social Networking ausgerichtete Websites aufsetzen und Gruppen in Social Networks gründen: Im Grundsatz sind Social Media eine dezentrale Angelegenheit. Wer im Social Web ein wichtiger Knotenpunkt ist und das Sagen hat, dies hat bis heute häufig wenig mit den außerhalb des Web geltenden Hierarchien und Stukturen zu tun. Das ist zunächst einmal nichts Schlimmes und funktioniert in manchen Branchen erstaunlich gut. In der Medienbranche etwa, wo immer mehr traditionell “mächtige” Journalisten, die in den vergangenen Jahren auf Facebook, Twitter & Co. wenig gehalten haben, inzwischen bemerken: Sie kommen doch nicht daran vorbei, weil sonst andere Multiplikatoren – redaktionelle No-Names – plötzlich die neuen Mächtigen werden. In der deutschen Politik kann ich solche Tendenzen noch nicht erkennen. Ich sehe hier zwei voneinander unabhängige Lager: Zum einen Nachwuchspolitiker und einige Enfants Terribles, die von sich aus unkonventionell und frisch genug sind, im Web 2.0 Wind zu machen. Um diese Gruppe mache ich mir wenig Sorgen – sie wird mit den neuen Kommunikationskanälen wachsen, sie sich zu eigen machen und die etablierten Politiker mitunter das Fürchten lehren – siehe Punkt 2. Stirnrunzeln kommt bei mir eher auf, wenn ich mir die Aktivitäten der politischen Gruppe ab MdB aufwärts ansehe: Hier herrscht in weiten Teilen Lieblosigkeit im Umgang mit dem Web 2.0, man beauftragt die Agentur der Wahl, stampft Plattformen aus dem Boden und hofft dem Trend so gerecht zu werden. Echte Kommunikation sieht anders aus, und konzertiert ist dieses Vorgehen nicht. Damit Wahlkampf im Web wirklich funktioniert braucht es echte, persönliches Engagement und das gemeinsame Ziehen am gleichen Strang. Junge Wilde und die politisch Etablierten sollten den politischen Dialog im Web gemeinsam führen – sonst droht die Gefahr von Auseinanderdriften, Misstönen und Gesichtslosigkeit.

[Foto hier und Teaserfoto zum Thema auf Startseite: the squirrel | photocase.com]

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Discussion

Comments for “Gefahren beim Wahlkampf im Web”

  • Social Media hatte m.M. einer überproportionalen Anteil am Wahlerfolg von Obama. Er hat Facebook, Twitter & Co genutzt um eine Wählerschicht zu erschliessen, die - wie in Deutschland - über klassische Medien wie TV oder Zeitung nicht mehr zu erreichen ist. Verschiedene Nachbetrachtungen der Wahl in den USA zeigen deutlich, dass jugendliche Wähler einen entscheidenden Beitrag zum Wahlerfolg beitrugen, somit waren die sozialen Medien indirekt "vielleicht" schon wahlentscheidend.

    Aber noch richtiger wäre: Nicht die sozialen Medien waren wahlentscheidend, sondern deren Nutzung durch Obamas Team.

    Und an diesem Punkt muss man festhalten, dass hier in Deutschland kein Licht am Horizont zu erkennen ist (auch unter 3. beschrieben). Hört man sich die Ansätze verschiedener sog. Vordenker der Parteien an (bspw. Politics 2.0 im Rahmen der Webciety, bleibt nur Ernüchterung). Es ist mehr zu erwarten, dass wir Facebook-Brochueren sehen werden, als wirkliche Partizipation oder wenigstens als Wähler ernst genommen zu werden.

    Zumindest dieses Mal werden wir noch als Stimmvieh zur Urne trotten, aber immerhin gelockt durch bunte Bildchen.

    Politik in Deutschland hat ganz klar den Trend verpennt. Obama nutzte Social Media über einen längeren Zeitraum (Primaries, ..) und hatte so Erfahrungen die in Deutschland jetzt ganz klar fehlen. Und ich widerspreche auch der Aussage, dass die Nutzung bspw. von Twitter in Deutschland einfach zu gering ist. Ich kenne keine genauen Zahlen, aber Ende 2006, Anfang 2007 war Twitter auch in den USA noch kein so großes Thema, Obama hat hier m.M. eher wie ein Katalysator fungiert und einen Anteil an der steigenden Nutzung und dem Fokus der Offentlichkeit auf dieses "Dingens".
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